Hast du schon mal darüber nachgedacht, wie wissenschaftliche Erfindungen rechtlich geschützt werden?
Hinter vielen Innovationen im Bereich der Life Sciences stehen Patentanwält:innen, die Wissenschaft und Recht miteinander verbinden. Sie helfen dabei, neue Technologien, Verfahren oder Produkte rechtlich zu schützen und begleiten den Weg von der wissenschaftlichen Idee hin zu einer erfolgreichen und marktreifen Erfindung.
Für viele Naturwissenschaftler kann dieser Beruf eine spannende Alternative zur klassischen Laufbahn in der Forschung oder Industrie sein. Wer im Patentwesen arbeitet, braucht mehr als juristisches Interesse: Besonders im Umgang mit Mandanten aus dem Bereich der Lebenswissenschaften sind fundierte Fachkenntnisse gefragt. Patentanwält:innen müssen komplexe wissenschaftliche Sachverhalte verstehen, bewerten und in eine rechtlich präzise Sprache übersetzen können.
Gleichzeitig bietet der Beruf Einblicke in zahlreiche zukunftsweisende Technologien und verbindet somit naturwissenschaftliches Know-How mit rechtlichen Fragestellungen.
Wie gelingt der Wechsel vom Studium in die Welt des gewerblichen Rechtsschutzes? Welche Aufgaben prägen den Berufsalltag, welche Fähigkeiten sind besonders wichtig und was macht die Tätigkeit als Patentanwalt so reizvoll?
Darüber haben wir mit Dr. Alexander Hilla gesprochen. Nach seiner Promotion in der Neurobiologie und Neurowissenschaften entschied er sich für den Weg ins Patentwesen. Im Interview gibt er uns spannende Einblicke in seinen beruflichen Werdegang und in einen Beruf, der Wissenschaft und Recht auf einzigartige Weise zusammenführt.
Wir wünschen euch viel Spaß beim Lesen des Interviews.
Hallo Alexander Hilla, stelle dich doch gerne kurz vor. Wie sieht dein beruflicher Werdegang aus und was begeistert dich?
Hallo, ich bin Alexander Hilla. Ich habe in Düsseldorf Biochemie im Bachelor und Master studiert und anschließend meine Promotion in einer Düsseldorfer Arbeitsgruppe begonnen. Während meiner Promotionszeit zog unsere Arbeitsgruppe von Düsseldorf nach Bochum, sodass ich dort meine Promotion im Bereich der axonalen Regeneration abgeschlossen habe.
Ursprünglich wollte ich Neurowissenschaften studieren. Da mein NC dafür nicht ausreichte, wurde mir empfohlen, zunächst Biochemie zu studieren, um mich später in Richtung der Neurowissenschaften zu spezialisieren. Diesen Weg habe ich dann mehr oder weniger eingeschlagen.
Mein ursprünglicher Plan war es, langfristig an der Universität zu bleiben. Die wissenschaftliche Arbeit hat mir immer auch viel Spaß gemacht. Im Laufe der Promotion wurde mir jedoch klar, dass eine akademische Karriere für mich persönlich nicht der richtige Weg ist. Deshalb begann ich, mich nach alternativen Berufsfeldern umzusehen.
Dabei habe ich eher zufällig entdeckt, dass der Beruf des Patentanwalts gar nicht ein klassisches Jura-Studium voraussetzt, sondern ein naturwissenschaftliches oder technisches Studium erfordert. Nach einigen Gesprächen mit Menschen aus diesem Berufsfeld und eigener Recherche war mein Interesse schnell geweckt. So führte mich mein Weg schließlich ins Patentwesen, eine Entscheidung, mit der ich bis heute sehr glücklich bin.
Außerhalb der Arbeit verbringe ich viel Zeit mit meiner Familie und mit Musik.
Du hast im Grunde den klassischen akademischen Weg eingeschlagen, vom Bachelor über Master bis hin zur Promotion. Wie bist du schließlich zum Beruf des Patentanwaltes gekommen? Wolltest du das schon früher machen oder hat sich das erst später ergeben?
Tatsächlich hat sich das bei mir erst relativ spät ergeben. Lange Zeit bin ich davon ausgegangen, dass ich nach meiner Promotion an der Universität bleiben würde. Als ich jedoch merkte, dass dieser Weg für mich langfristig nicht mehr infrage kam, habe ich ganz pragmatisch im Internet nach beruflichen Alternativen mit meinem naturwissenschaftlichen Hintergrund gesucht.
Dabei bin ich auf einer amerikanischen Website erstmals auf den Beruf des Patentanwalts gestoßen. Mein erster Gedanke war: „Das wäre cool, wenn das in Deutschland auch so funktionieren würde, ohne Jura zu studieren. Aber vermutlich geht das nur in den USA.“ Denn wie viele andere dachte ich damals, dass man für diesen Beruf zwingend Jurist sein muss.
Bei weiteren Recherchen stellte ich fest, dass der Weg auch in Deutschland Naturwissenschaftlern und Ingenieuren offensteht. Das hat mein Interesse sofort geweckt. Ich habe mich mit Patentanwälten und Patentanwaltskandidaten ausgetauscht, mich über den Berufsalltag informiert und mehrere Kanzleien kontaktiert. In zwei Kanzleien konnte ich sogar einige Probearbeitstage absolvieren. Schließlich habe ich mich für eine Kanzlei entschieden, mich dort beworben und wurde angenommen.
Und kurz zusammengefasst: Was macht eigentlich ein Patentanwalt genau?
Der Beruf ist im Grunde sehr vielseitig. Patentanwälte bilden die Schnittstelle zwischen Erfindern und den Ämtern, wie etwa dem Deutschen Patent- und Markenamt (DPMA). Deshalb ist ein naturwissenschaftlicher oder ingenieurwissenschaftlicher Hintergrund wichtig, da man die zugrunde liegende Erfindung verstehen und nachvollziehen muss.
Im Kern geht es darum, Erfindungen in eine rechtlich präzise „Patentsprache“ zu übersetzen, sie als Patentanmeldung auszuarbeiten und mit dem Amt zu korrespondieren. Damit endet die Reise jedoch nicht. Das erteilte Patent kann als Grundlage für Lizenzen dienen oder auch zum Vorgehen gegen etwaige Patentverletzer.
Ein großer Teil meiner persönlichen Arbeit besteht darin, auf die Erteilung eines Patents hinzuarbeiten. Dafür sprechen wir mit den Erfindern, erhalten Erfindungsmeldungen, führen Telefonate oder Videokonferenzen und besuchen bei Bedarf auch direkt Labore oder Entwicklungsstandorte. Auf dieser Grundlage erstellen wir die Patentanmeldung und reichen diese beim Patentamt ein.
Anschließend prüft das Amt die Anmeldung und erlässt einen Bescheid, in dem es darlegt warum die Erfindung nicht patentierbar ist oder warum sie es doch ist.
Häufig vertritt das Amt zunächst die Auffassung, dass die Erfindung in der eingereichten Form noch nicht patentierbar ist. Das ist ein normaler Teil des Verfahrens. Man versucht, die Erfindung oder Innovation so breit wie möglich für sich zu beanspruchen und schränkt sich dann immer weiter ein, bis es zu einer Erteilung kommt. Auf die Bescheide des Amts reagiert man, indem man den Gegenstand der Erfindung weiter konkretisiert oder formale Mängel behebt. Dieser Austausch wiederholt sich teilweise mehrfach, bis es idealerweise zur Patenterteilung kommt.
Auch danach kann die Arbeit noch weitergehen, etwa in Form von Einspruchsverfahren oder Nichtigkeitsklagen, bei denen Patente verteidigt oder angegriffen werden. Hinzu kommt die strategische Beratung von Mandanten. Insgesamt ist das Tätigkeitsfeld sehr breit und entwickelt sich ständig weiter.
In welchem Unternehmen bist du derzeit tätig und wie sieht dein Arbeitsplatz aus? Wie lange bist du schon aktuell in dieser Position?
Ich arbeite in der Kanzlei Viering, Jentschura & Partner, die mehrere Standorte in Deutschland sowie im asiatischen Ausland hat.
In meiner aktuellen Position bin ich seit etwa 1,5 Jahren tätig. Zuvor habe ich die sogenannte Kandidatenzeit durchlaufen, also die Ausbildungsphase auf dem Weg zum Patentanwalt. Diese habe ich im vergangenen April abgeschlossen. Seit Mai letzten Jahres bin ich nun als Patentanwalt bei der Kanzlei angestellt.
Der Beruf des Patentanwaltes gilt oft als eher theoretisch oder sogar „trocken“. Wie erlebst du das im Arbeitsalltag? Gibt es Aspekte des Berufs, die häufig unterschätzt werden oder überraschend abwechslungsreich sind?
Das ist ein Vorurteil, dem ich auch schon häufig begegnet bin, das ich aber persönlich so nicht teile.
Natürlich ist der Beruf nicht für jede oder jeden geeignet, man muss schon der richtige Typ dafür sein.
Insgesamt gesehen ist er sehr abwechslungsreich, da man in den unterschiedlichsten technischen und wissenschaftlichen Bereichen arbeitet und sich ständig in neue Themen einarbeitet. Der Alltag umfasst viele verschiedene Aufgaben: Man erstellt Patentanmeldungen, bearbeitet Bescheide des Patentamtes, entwickelt strategische Vorgehensweisen oder begleitet Verfahren zur Durchsetzung oder Verteidigung von Patenten. Dadurch bleibt die Arbeit inhaltlich sehr vielfältig.
Besonders spannend finde ich, dass man regelmäßig mit neuen Erfindungen und Technologien zu tun hat und sich immer wieder in neue Fachgebiete einarbeiten muss. Dadurch lernt man ständig dazu, auch in Bereichen, mit denen man während des Studiums kaum in Berührung gekommen ist. Das macht für mich den Beruf besonders interessant und spannend. Hinzu kommt ein kreativer Aspekt, den viele im Patentwesen zunächst nicht erwarten. Gerade bei der Ausarbeitung von Patentanmeldungen und bei der Erwiderung auf Bescheide geht es darum, technische und rechtliche Aspekte miteinander zu verbinden und kreative Lösungen zu entwickeln. Es ist zwar keine Kreativität im künstlerischen Sinne, aber dennoch ein sehr gestalterischer Prozess.
Der Arbeitsalltag findet überwiegend am Schreibtisch statt, meist am Computer, gelegentlich ergänzt durch Mandantenbesuche. Insgesamt gesehen ist es ein sehr spannender Beruf, den ich klar weiterempfehlen kann. Der Weg dorthin ist allerdings nicht ganz einfach, lohnt sich aus meiner Sicht aber in jedem Fall.
Wie viel Kundenkontakt hast du in deinem Beruf und wie läuft die Zusammenarbeit mit den Mandanten typischerweise ab?
Ich bin erst seit etwa 1,5 Jahren ein zugelassener Patentanwalt. Deshalb betreue ich aktuell noch keinen eigenen Mandantenstamm vollständig alleine von Anfang bis Ende, sondern korrespondiere regelmäßig mit verschiedenen Mandanten, das macht etwa 5 % meiner Arbeitszeit aus.
Bei erfahrenen Kollegen ist der Anteil deutlich höher. Je weiter man im Beruf voranschreitet, desto mehr verschiebt sich der Fokus: von reiner Schreibtischarbeit zu mehr Überblicks- und Koordinationsaufgaben, sowie mehr Mandantenkontakt. Wie stark dieser Anteil ausfällt, variiert auch je nach Kanzlei. Manche Kollegen steigen direkt mit festen Mandanten ein, arbeiten dabei aber zunächst unter enger Anleitung. Insgesamt liegt der direkte Mandantenkontakt meist bei etwa 10 bis 20 % der Arbeitszeit.
Die Kommunikation erfolgt überwiegend per Telefonat oder Videokonferenz, insbesondere bei konkreten Fragen oder Entscheidungen. Persönliche Treffen sind eher die Ausnahme. Seit der Corona-Pandemie hat sich die Zusammenarbeit stark in Richtung digitaler Kommunikation verlagert, so dass Videokonferenzen in der Regel völlig ausreichen.
Mit welchen Berufsgruppen arbeitest du hauptsächlich zusammen? Hast du überwiegend mit Juristen zu tun oder querbeet mit Juristen, Naturwissenschaftlern und Ingenieuren?
Ich arbeite überwiegend mit Naturwissenschaftlern und Ingenieuren zusammen. In der Kanzlei gibt es auch Juristen, die insbesondere bei streitigen Verfahren, wie etwa in Nichtigkeits- oder Gerichtsverfahren tätig sind.
Als deutscher Patentanwalt ist man zwar auch in der Anmeldung und Durchsetzung von Marken und Designs geschult, diese Aufgaben werden bei uns jedoch eher von den Juristen übernommen. Mein Austausch findet vor allem mit Erfindern, also Naturwissenschaftlern und Ingenieuren, statt.
Daneben arbeiten in Patentanwaltskanzleien auch Patentanwaltsfachangestellte, die keinen naturwissenschaftlichen-technischen Hintergrund haben. Ihre Rolle ist vergleichbar mit der von Rechtsanwaltsfachangestellten. Sie arbeiten vor allem in der organisatorischen und administrativen Abwicklung, sodass ich mich auch mit ihnen austausche.
Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten siehst du zwischen deiner Tätigkeit als Patentanwalt und der Arbeit als Naturwissenschaftler bzw. Biochemiker?
Während meiner Doktorandenzeit habe ich die meiste Zeit im Labor gearbeitet und nur wenig Zeit am Schreibtisch mit der Auswertung von Daten verbracht. Insofern ist der Unterschied sehr deutlich: Heute verbringe ich den Großteil meiner Zeit am Schreibtisch und arbeite überwiegend theoretisch.
Die große Gemeinsamkeit liegt im fachlichen Thema selbst. Mein biochemischer Hintergrund ist für meine tägliche Arbeit enorm wichtig. Ich brauche das Verständnis für molekulare und biologische Zusammenhänge, um Patentanmeldungen auszuarbeiten oder Bescheide des Patentamtes zu erwidern.
Im Kern geht es darum, eine Erfindung vollständig zu durchdringen und sie so aufzuarbeiten, dass sie möglichst zu einer Patenterteilung führt.
Wie sehen die Rahmenbedingungen deines Berufs aus? Wie viele Stunden arbeitest du pro Woche? Gibt es flexible Arbeitszeiten oder Kernarbeitszeiten? Fallen Überstunden an und ist Teilzeit möglich?
Ich habe eine Vollzeitstelle mit 40 Stunden-Woche, was auch dem üblichen Umfang in meinem Umfeld entspricht. Es gibt aber auch Kollegen in Teilzeit, dass schließt sich also nicht aus.
Man muss nur wissen: Wer die Ausbildung beginnt, muss eine bestimmte Anzahl an Praxismonaten absolvieren, um auch die Prüfungen ablegen zu können. Bei Teilzeit verlängert sich entsprechend die Ausbildungsdauer. Bei 50 % Arbeitszeit verdoppelt sich die Dauer der Ausbildung, also aus etwa 26 Monaten werden dann rund 52 Monate. Das sollte man bei der Planung im Hinterkopf behalten.
Die konkreten Arbeitszeitmodelle und etwaige Kernarbeitszeiten unterscheiden sich je nach Kanzlei.
Ich persönlich kann recht flexibel arbeiten, was aber natürlich voraussetzt, dass die anfallenden Aufgaben erledigt werden. Dadurch lässt sich der Arbeitstag grundsätzlich gut selbst einteilen.
Gleichzeitig gibt es natürlich auch arbeitsintensive Phasen, in denen Deadlines oder unerwartete Aufgaben sich häufen. In solchen Zeiten bleiben Überstunden natürlich nicht aus.
Wie familienfreundlich bzw. arbeitnehmerfreundlich empfindest du deinen Arbeitgeber?
Ich empfinde meinen Arbeitgeber als sehr familienfreundlich. Ich habe zwei kleine Kinder und meine Ausbildung begonnen, als mein erstes Kind gerade einmal drei Monate alt war. Während einer besonders intensiven Phase meiner Ausbildung wurde dann unser zweites Kind geboren. In beiden Situationen hat mich die Kanzlei sehr unterstützt und ist mir sehr entgegengekommen. Deshalb kann ich mich in dieser Hinsicht sehr glücklich schätzen.
Besonders schätze ich das Vertrauen, das mir entgegengebracht wird. Entscheidend ist, dass die Aufgaben zuverlässig erledigt werden. Wann und wie genau man sie bearbeitet, lässt sich in vielen Fällen flexibel gestalten. Dadurch entsteht ein hohes Maß an Freiheit in der Zeiteinteilung.
Wenn beispielsweise ein Kind krank ist, kann ich zu Hause bleiben und mich kümmern, wobei ich die Arbeit dann später am Tag nachholen kann. Natürlich versuche ich grundsätzlich, einen möglichst geregelten Arbeitstag einzuhalten, aber gerade in solchen Situationen hilft mir diese Flexibilität sehr, Familie und Beruf gut zu vereinbaren.
Für mich ist das ein großer Pluspunkt und im Familienalltag enorm wertvoll.
Wie verteilen sich bei dir prozentual gesehen die Anteile von Büroarbeit, Home-Office und Dienstreisen?
Aktuell arbeite ich überwiegend im Home-Office. Da sich der Standort meiner Kanzlei in einer anderen Stadt befindet und die Anfahrt entsprechend zeitaufwendig ist, verbringe ich derzeit etwa 80 % meiner Arbeitszeit von zu Hause und rund 20 % im Büro. In Zukunft würde ich das gerne etwas ändern, momentan funktioniert es für mich aber ganz gut.
Dienstreisen spielen in meinem Arbeitsalltag dagegen eine untergeordnete Rolle. Sie machen deutlich weniger als ein Prozent meiner Arbeitszeit aus und bestehen meist aus einzelnen Terminen oder kurzen Besuchen von ein bis zwei Tagen.
Besuchst du regelmäßig Konferenzen oder andere externe Veranstaltungen? Und wenn ja, welche sind das dann?
Derzeit besuche ich noch keine Konferenzen. Aber es gibt durchaus Veranstaltungen, an denen ich gerne in naher Zukunft teilnehmen möchte. Da ich meine Ausbildung erst vor Kurzem abgeschlossen habe, standen solche Termine bisher nicht im Fokus. Für die Zukunft kann ich mir das gut vorstellen.
Es gibt zahlreiche Fachveranstaltungen und Konferenzen: Die Vereinigung der Patentanwälte richtet internationale und europäische Konferenzen aus. Darüber hinaus bieten auch Unternehmen oder Branchenverbände mögliche Austauschformate an, ebenso der Besuch von Fachmessen ist möglich. Die Auswahl ist also insgesamt recht vielfältig.
Welche Fähigkeiten und Eigenschaften sollte man für den Beruf als Patentanwalt mitbringen?
Analytisches Denken ist aus meiner Sicht die wichtigste Eigenschaft, gewissermaßen der Dreh- und Angelpunkt des Berufs. Man muss komplexe technische und wissenschaftliche Sachverhalte verstehen, bewerten und anschließend in eine rechtlich präzise Sprache übersetzen können.
Darüber hinaus sind Kreativität und auch Freude am Lernen wichtig. Im Patentwesen beschäftigt man sich fortlaufend mit neuen Technologien, Erfindungen und Fachgebieten. Wer da keine Neugier mitbringt oder sich ungern in neue Themen einarbeitet, wird es vermutlich schwer haben. Gerade in der Ausbildung lernt man sehr viel und muss bereit sein, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Selbstorganisation. Je nach Kanzlei kann man relativ frei arbeiten und sich die Aufgaben selbst einteilen. Dafür muss man gut organisiert sein, um alles auf Anhieb hinzukriegen. Gleichzeitig gibt es zahlreiche Fristen und Timelines, die unbedingt eingehalten werden müssen. Sei es für Rückmeldungen an Mandanten oder für Beantwortungen von Bescheiden der Patentämter. Ein gutes Zeit- und Aufgaben-Management ist daher essenziell.
Zusammengefasst würde ich sagen: Analytisches Denken, Lernbereitschaft und eine gute Selbstorganisation sind die drei wichtigsten Eigenschaften eines Patentanwaltes.
Welche Kompetenzen aus deinem Studium oder aus anderen Bereichen wie Fortbildungen, Nebenjobs oder Hobbys helfen dir heute im Berufsalltag?
An erster Stelle würde ich das analytische Denken nennen. Diese Fähigkeit entwickelt man bereits im Studium und vertieft sie während der Promotion noch einmal deutlich. Gerade das strukturierte Vorgehen bei komplexen Fragestellungen und das systematische Lösen von Problemen habe ich aus meiner Uni-Zeit mitgenommen.
Darüber hinaus spielt auch die Kreativität eine wichtige Rolle. Diese Fähigkeit kommt bei mir eher aus dem Freizeitbereich.
Eignet sich der Job für Berufseinsteiger? Falls nicht: Wie sieht der typische Ausbildungs- und Karriereweg zum Patentanwalt aus?
Für den Berufseinstieg gilt zunächst: Ein Bachelorabschluss reicht in der Regel nicht aus. Für die Ausbildung zum deutschen Patentanwalt ist grundsätzlich ein Masterabschluss erforderlich. Weiterhin gibt es noch den Weg zum europäischen Patentanwalt, der mit ähnlichen Anforderungen einhergeht.
Soweit ich richtig informiert bin, setzt die Zulassung zur Ausbildung zum Patentanwalt grundsätzlich ein naturwissenschaftliches oder technisches Studium an einer wissenschaftlichen Hochschule voraus, das mit einem Diplom oder Master abgeschlossen wurde. Ein entsprechender Abschluss an einer Fachhochschule bzw. Hochschule für angewandte Wissenschaften dürfte für den regulären Zugangsweg daher nicht ausreichen.
Der typische Karriereweg beginnt nach dem Studium mit einer Ausbildung in einer Patentanwaltskanzlei oder in der Patentabteilung eines Unternehmens. Dabei muss man zwischen dem Weg des deutschen und des europäischen Patentanwalts unterscheiden, denn die Abläufe der Ausbildung sind unterschiedlich.
Beim deutschen Patentanwalt handelt es sich um eine Art berufsbegleitetendes Studium. Man arbeitet zunächst in der Kanzlei oder im Unternehmen und beginnt parallel dazu die juristische Zusatzausbildung im Fernstudium. Nach etwa zwölf Monaten folgt eine erste Präsenzwoche an der Fernuniversität Hagen mit Vorlesungen und Arbeitsmaterialien zum Nacharbeiten. Anschließend bearbeitet man regelmäßig Aufgaben, in der Regel juristische Fälle. Dabei lernt man die rechtlichen Grundlagen, etwa aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB), dem Handelsrecht und dem Gesellschaftsrecht. Nach dem ersten Jahr folgen erste Klausuren, eine weitere Präsenzphase mit Abschlussklausur in Hagen oder München sowie eine Zwischenprüfung. Nach erfolgreichem Abschluss beginnt das sogenannte Amtsjahr.
Das Amtsjahr dauert acht Monate (früher waren es wohl Mal zwölf Monate) und findet in München statt. In dieser Zeit durchläuft man verschiedene Stationen beim Deutschen Patent- und Markenamt, sowie beim Bundespatentgericht. Hier erhält man Einblicke in die praktische Arbeit der Behörden und Gerichte. Der Abschluss bildet dann die Patentanwaltsprüfung. Nach bestandener mündlicher Prüfung und Vereidigung darf man die Berufsbezeichnung Patentanwalt führen.
Ich war in dieser Zeit viel unterwegs, allerdings nicht so viel wie ich am Anfang befürchtet habe. Gerade in den ersten zwei Monaten war ich sehr häufig in München und musste entsprechend reisen. Ich hatte das Glück, eine Unterkunft von der Kanzlei gestellt zu bekommen, sodass keine Unterkunftskosten anfielen. Reisekosten für Zug oder Auto können aber durchaus ins Gewicht fallen. Das ist etwas, worauf man achten sollte.
Generell ist die Ausbildung ein fordernder Weg. Die Ausbildung ist sehr anspruchsvoll und zeitintensiv, da man in der Regel Vollzeit arbeitet und nebenbei das Fernstudium mit seinen Aufgaben und Prüfungen absolviert. Gerade mit familiären Verpflichtungen kann das herausfordernd sein. Aber es ist nicht unmöglich. Gleichzeitig ist der Weg gut strukturiert und man wird während der Ausbildung fachlich begleitet. Mit ausreichender Organisation ist der Weg definitiv zu bewältigen.
Der Weg des europäischen Patentanwalt ist hingegen etwas anders aufgebaut. Hier arbeitet man in der Regel drei Jahre im entsprechenden Bereich und kann dann die Prüfungen ablegen. Das Prüfungssystem wurde in den letzten Jahren schrittweise reformiert und stärker gestaffelt, so dass die Prüfungen nicht mehr vollständig am Ende der Ausbildungszeit gebündelt sind.
Die Prüfungen sind sehr fordernd und vergleichsweise viele bestehen sie nicht auf Anhieb. Diese Prüfung kann man dann auch nur einmal im Jahr absolvieren. Wenn man durchfällt, ist es doppelt bitter, weil man ein weiteres Jahr warten muss, bis man diese dann wiederholen kann.
Aus meiner Sicht unterscheiden sich beide Wege weniger im Anspruch als in ihrer Struktur. Die Ausbildung zum deutschen Patentanwalt ist stärker begleitet und vermittelt die Inhalte schrittweise. Beim europäischen Patentanwalt ist deutlich mehr Selbstorganisation erforderlich, da man sich einen großen Teil des Prüfungsstoffs selbst erarbeiten muss. Der deutsche Weg wirkt dadurch etwas zugänglicher, ist aber gleichzeitig sehr zeitintensiv. Beide Qualifikationen erfordern letztlich ein hohes Maß an Engagement und Durchhaltevermögen.
Welche Karriere- und Entwicklungsmöglichkeiten gibt es in deinem Berufsfeld?
Als ich damals angefangen habe, hat mir eine Kollegin gesagt: „Sei dir darüber im Klaren: Der Patentanwalt ist eine Einbahnstraße.“ Das klingt etwas drastisch, aber ein Stück weit stimmt es. Wenn man diesen Weg einschlägt, spezialisiert man sich sehr stark. Es ist daher nicht ohne Weiteres möglich, wieder an die Universität zurückzugehen oder ein völlig anderes Berufsfeld zu wechseln, da sich im Laufe der Zeit ein sehr spezifisches Fachwissen im gewerblichen Rechtsschutz entwickelt.
Das bedeutet aber nicht, dass es innerhalb des Berufsfeldes keine Entwicklungsmöglichkeiten gibt. Einige Patentanwälte geben beispielsweise Patentkurse oder spezialisieren sich stärker auf die Beratung von Unternehmen, etwa zu Patentstrategien oder dem Umgang mit Schutzrechten.
Der klassische Weg führt jedoch meist innerhalb des Berufs weiter. In vielen Kanzleien gibt es ähnliche Karrierestufen wie in Rechtsanwaltskanzleien. Man beginnt häufig als Associate und kann sich anschließend zum Senior Associate, Junior Partner oder Partner weiterentwickeln. Je nach Kanzlei gibt es unterschiedliche Abstufungen.
Mit jeder Karrierestufe gehen in der Regel mehr Verantwortung, größere Mandate und Führungsaufgaben einher. Gleichzeitig steigt meist auch die Vergütung. Wer möchte, kann so eine klassische Karriereleiter bis hin zur Partnerebene durchlaufen.
Persönlich habe ich bisher nur wenige Fälle erlebt, in denen jemand den Beruf komplett verlassen und anschließend etwas völlig anderes gemacht hat. Allerdings bin ich selbst noch nicht so lange im Beruf, um dies abschließend beurteilen zu können.
Zu deiner persönlichen Einschätzung: Was macht dir in deinem Job besonders viel Spaß? Und an welche Aspekte musstest du dich anfangs erst gewöhnen?
Am meisten musste ich mich an die Denkweise und die Art zu schreiben gewöhnen. Aus den Naturwissenschaften war ich es bereits gewohnt, sehr fachlich und präzise zu arbeiten. Im Patentrecht kommt aber eine zusätzliche Ebene hinzu: Alles muss rechtlich belastbar formuliert sein und gleichzeitig in eine schlüssige Argumentation passen.
Die Sprache in Patentanmeldungen wirkt am Anfang oft ungewohnt. Wenn man beispielsweise einen Stuhl patentieren möchte, würde man nicht einfach von einem „Stuhl mit vier Beinen“ sprechen. Stattdessen würde man eher allgemein von einer „Sitzgelegenheit“ mit mindestens einem „Stützelement“ sprechen. Man beschreibt die Erfindung zunächst möglichst allgemein und wird dann schrittweise konkreter, um sogenannte Rückzugspositionen zu haben, falls Ansprüche später eingeschränkt werden müssen.
Diese Art zu schreiben war für mich eine echte Umstellung. Hinzu kommt die juristische Denkweise, die man sich erst aneignen muss. Im Patentrecht gibt es bestimmte Prüfungsmaßstäbe und Vorgehensweisen, die man erst verinnerlichen muss.
Ein gutes Beispiel ist der sogenannte Aufgabe-Lösungs-Ansatz (Problem-Solution Approach) des Europäischen Patentamts. Dabei wird geprüft, ob eine Erfindung auf einer erfinderischen Tätigkeit beruht.
Dazu wird geprüft, ob ein fiktiver Fachmann oder eine fiktive Fachfrau, ausgehend vom bekannten Stand der Technik, in naheliegender Weise zur erfinderischen Idee gelangt wäre.
Was sollte man sonst noch wissen? Was sollten Menschen unbedingt wissen, die sich für den Beruf des Patentanwaltes interessieren?
Ich würde empfehlen, den Beruf möglichst aus der Nähe kennenzulernen. Ich habe das damals nicht gemacht, fand es aber im Nachhinein auch nicht so problematisch. Trotzdem würde ich heute raten, nicht nur für einen Tag, sondern idealerweise für eine Woche oder länger in einer Kanzlei oder Patentabteilung mitzulaufen.
Der Beruf des Patentanwalts ist schon sehr speziell und auch etwas außergewöhnlich. Er verbindet Technik beziehungsweise Naturwissenschaften mit juristischen Fragestellungen. Diese Mischung gefällt vielen Menschen sehr, ist aber sicher nicht für jeden geeignet. Deshalb ist es sinnvoll, sich vorab einen möglichst realistischen Eindruck vom Arbeitsalltag zu machen.
Aus meiner Ausbildung kenne ich auch jemanden, der relativ früh gemerkt hat, dass der Beruf nicht passt, und die Ausbildung abgebrochen hat. Die meisten, die sich bewusst dafür entscheiden, bleiben allerdings dabei und ziehen die Ausbildung erfolgreich durch.
Mein wichtigster Rat wäre daher: Beschäftigt euch frühzeitig mit dem Thema. Schaut euch an, wie Patentanmeldungen aussehen, lest vielleicht einmal ein Patent oder sprecht mit Patentanwälten über ihren Arbeitsalltag. Je besser man versteht, was die Tätigkeit tatsächlich umfasst, desto leichter kann man einschätzen, ob dieser Beruf zu den eigenen Interessen und Stärken passt.
Wenn du deinem früheren, studierenden Ich einen Rat geben könntest, welcher wäre das?
Ich würde raten, offen und neugierig zu bleiben. Das hilft nicht nur auf dem Weg zum Patentanwalt, sondern eigentlich im ganzen Leben. Viele spannende Möglichkeiten ergeben sich erst, wenn man bereit ist, neue Wege auszuprobieren und sich auf Dinge einzulassen, die man vorher vielleicht gar nicht auf dem Schirm hatte.
Mit Blick auf die Promotion würde ich mir außerdem raten, auch einmal bewusst „Nein“ zu sagen und die eigenen Grenzen im Blick zu behalten und sich selbst nicht aus den Augen zu verlieren.
Und vielleicht frühzeitig darüber nachzudenken, welche berufliche Richtung man einschlagen möchte. Man muss nicht sofort einen fertigen Plan haben, aber es lohnt sich, verschiedene Möglichkeiten kennenzulernen und sich bewusst mit den eigenen Interessen und Zielen auseinanderzusetzen.
Vielen Dank für deinen Einblick!
Kannst du dir nun vorstellen, später ebenfalls den Weg in die Welt des Patentrechts einzuschlagen?
Hierfür können wir dir noch folgende Links zur Ausbildung https://www.patentanwalt.de/de/patentanwaelte/ausbildung.html und die Plattform für Patentanwaltsbewerber https://kandidatentreff.de empfehlen.
Falls dich eher strategische Beratung bei innovativen Unternehmen begeistert, können wir dir auch unser Interview mit Greta Mittweg-Grapentin und Dr. Florentin J. Schmidt, den Innovation Scouts, ans Herz legen.